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Die neue Landkarte des Pentagon
Mit einer Liste künftiger
Konfliktherde Und Interventionspunkte
Von Thomas P. M. Barnett
Blätter für deutsche und internationale
Politik (May 2003)
Monate vor der – in diesem Frühjahr gleichzeitig amerikanisch
und deutsch erschienenen – Buchausgabe stellten die „Blätter" Robert
Kagans viel zitierten Essay „Power and Weakness" in eigener
Übersetzung vor, um das deutsche Publikum im O-ton mit dem vertraut
zu machen, was nach Auffassung des amerikanischen Neokonservatismus
die Vereinigten Staaten und Europa auseinander treibt. (10/2002)
Eine breite Debatte folgte. Und Monate vor Kreigsbeginn war in den
Dezember-„Blättern" der Schlüsseltext von Ronald D. Asmus und
Kenneth M. Pollack über die „Tranformation des Mittleren Ostens" zu
lesen. Nach der Besetzung des Irak fragt sich die Welt: „Who next?
Where next?" Thomas P.M. Barnett, Professor am U.S. Naval War
College und seit September 2001 Berater von Verteidigungsminister
Rumsfeld, nimmt bei der Beantwortung dieser Fragen kein Blatt vor
den Mund. In „Esquire" stellte er im März „The Petnagon's New Map"
vor. Mit der freundlichen Genehmigung des Verfassers bringen wir
seine Landkarte künftiger Kriege nebst persönlicher Liste
potentieller Interventionspunkte der deutschen Öffentlichkeit zur
Kenntnis. –D. Red.
Als die Vereinigten Staaten am Persischen Golf abermals in den
Krieg zogen, ging es nicht darum, eine alte Rechnung zu begleichen,
oder einfach um die zwangsweise Beseitigung illegaler Waffen und
eine Abwechslung im Kampf gegen den Terror. Dieser Krieg markiert
einen historischen Wendepunkt – den Moment, in dem Washington von
der strategischen Sicherheit im Zeitalter der Globalisierung
tatsächlich Besitz ergreift.
Aus diesem Grund ist die öffentliche Debatte über diesen Krieg so
wichtig. Sie zwingt die Amerikaner, sich auf das neue
Sicherheits-Paradigma einzustellen, das, wie ich finde, dieses
Zeitalter charakterisiert: Disconnectedness defines danger-
nicht eingebunden zu sein, bedeutet Gefahr. Saddam Husseins
Unrechtsregime war auf gefährliche Weise (selbst-)isoliert von der
im Prozess der Globalisierung befindlichen Welt, von ihrem
Regel-Kanon, ihren Normen und all jenen Bindungen, die Länder in
wechselseitiger Abhängigkeit miteinander verknüpfen.
Das Problem der meisten Globalisierungsdebatten besteht darin,
dass zu viele Experten diesen Prozess in ein binäres Raster zwängen:
Entweder ist die Globalisierung großartig und reißt den Planeten mit,
oder sie ist Schrecken erregend und schadet den Menschen
allenthalben. Keine der beiden Auffassungen trifft die Sache
wirklich. Die Globalisierung als historischer Vorgang ist ganz
einfach zu groß und zu komplex für solche Pauschalurteile. Diese
neue Welt muss vielmehr danach bestimmt werden, wo die
Globalisierung tatsächlich Wurzeln geschlagen hat und wo nicht.
Zeigen Sie mir, wo die Globalisierung reich ist an
Netzwerk-Verbindungen, finanziellen Transaktionen, wo es liberale
Medien gibt und kollektive Sicherheit herrscht, und ich werde Ihnen
Regionen mit stabilen Regierungen und steigendem Lebensstandard
zeigen, wo die Zahl der Suizod-Toten diejenige der Mordopfer
übersteigt. Diese Teile der Welt nenne ich den Funktionierenden Kern
(Functioning Core), kurz Kern. Zeigen Sie mir dagegen, wo die
Globalisierung spärlich ausfällt oder vollständig fehlt, zeige ich
Ihnen Regionen, die unter repressiven Regimen leiden, mit
verbreiteter Armut und Krankheit, routinemäßigem Massenmord und – am
allerwichtigsten – mit chronischen Konflikten, in denen die kommende
Generation globaler Terroristen herangezogen wird. Diese Teile der
Welt bezeichne ich als Nichtintegrierte Lücke [Non-Intergrating
Gap], kurz Lücke.
Das „Ozonloch“ der Globalisierung mag vor dem 11. September 2001
außer Sichtweite gewesen und nicht beachtet worden sein, aber
seither lässt es sich schwerlich übersehen. Die Reichweite der
Globalisierung zu messen, ist keine Schulaufgabe für achtzehnjährige
Marineinfanteristen. Wo also soll die nächste Runde von
Auswärtsspielen des US-Militärs stattfinden? Das Muster, das sich
nach dem Ende des Kalten Krieges herausgeschält hat, legt eine
einfache Antwort nahe: in der Lücke.
Ich unterstütze den Krieg im Irak nicht einfach deshalb, weil
Saddam ein stalinistischer Mörder ist, bereit, jeden zu töten, um an
der Macht zu bleiben, oder weil sein Regime über die Jahre eindeutig
terroristische Netzwerke gefördert hat. Der wahre Grund besteht
darin, dass das aus diesem Krieg erwachsende langfristige
militärische Engagement Amerika letztlich dazu zwingen wird, sich
mit der Lücke insgesamt als einem strategisch bedrohlichen
Umfeld auseinanderzusetzen.
Den meisten Länder fällt es durchaus nicht leicht, sich an den im
Werden begriffenen globalen Regelsatz der Demokratie, der
Transparenz und des freien Handels anzupassen, was die meisten
Amerikaner nur schwer verstehen können. Wir neigen dazu zu vergessen,
wie schwer es war, die Vereinigten Staaten all die Jahre
zusammenzuhalten und dabei unsere eigenen konkurrierenden Regelwerke
immer wieder miteinander in Einklang zu bringen – während eines
Bürgerkrieges, einer Weltwirtschaftskrise und der langen, bis heute
fortdauernden Kämpfe um Gleichberechtigung der Rassen und
Geschlechter. Was die meisten Staaten betrifft, geht unsere
Erwartung, dass sie rasch die sehr amerikanisch anmutenden Regeln
der Globalisierung übernehmen könnten, an der Realität vorbei.
Aber Vorsicht mit solch darwinistischem Pessimismus! Wenn man
sich nämlich für die Globalisierung als eine Art
Zwangsamerikanisierung entschuldigt, ist es nur ein kleiner Schritt
dahin, aufgrund rassischer oder kultureller Kriterien zu
unterstellen, dass „diese Leute niemals so wie wir“ sein
werden. Vor gerade mal zehn Jahren wollten die meisten Fachleute das
bedauernswerte Russland abschreiben, als seien Slawen sozusagen aus
genetischen Gründen unfähig zu Demokratie und Kapitalismus. Ähnliche
Argumente schwangen bei den China-Bashings der 90er Jahre mit,
und heute finden wir sie in den Debatten, ob es machbar sei, einem
Irak nach Saddam die Demokratie zu verordnen – eine Art „Muslime
sind vom Mars“-Argument.
Wie also können wir unterscheiden zwischen denen, die es im
Globalisierungs-Kern wirklich schaffen und denen, die in der
Lück gefangen bleiben? Und wie dauerhaft ist diese Trennlinie?
Vor dem Hintergrund, dass sich die Grenze zwischen Kern
und Lücke permanent verschiebt, möchte ich darauf hinweisen,
dass die Richtung der Veränderung kritischer ist als deren Grad.
Sicher, Peking wird nach wie vor von einer „Kommunistischen Partei“
regiert, deren ideologische Formel aus 30 Prozent
Marxismus-Leninismus und 70 Prozent Mafia besteht, aber China ist
der Welthandelsorganisation WTO beigetreten. Und das wiegt auf lange
Sicht viel schwerer, wenn es um die dauerhafte Sicherung des Kern-Status
geht. Warum? Weil es China zwingt, seine internen Regeln denen der
Globalisierung anzugleichen – Bankwesen, Zölle, Urheberrecht, Umwelt-Standards.
Natürlich ist eine solche Angleichung an die sich entwickelnden
Globalisierungsregeln keine Erfolgsgarantie. Wie Argentinien und
Brasilien kürzlich erfahren mussten, bedeutet Regelkonformität (im
Fall Argentinien allerdings eingeschränkt) keineswegs, gegen Panik,
Schwindelgeschäfte oder Rezession gefeit zu sein. Es heißt nicht,
dass dir nichts mehr passieren kann. Ebensowenig verwandeln sich all
die Armen von jetzt auf gleich in eine stabile Mittelschicht. Sich
auf die Globalisierung einzulassen führt allerdings im Laufe der
Zeit zu einer Steigerung des Lebensstandards.
Unterm Strich ist es also immer möglich, vom – Globalisierung
genannten – Wagen zu fallen. Passiert das, folgt ein Blutvergießen.
Und, sofern man Glück hat: amerikanische Truppen.
„Kern“ und „Lücke“
Welche Teile der Welt funktionieren derzeit? Nordamerika, viele
Länder Südamerikas, die Europäische Union, Putins Russland, Japan
und die prosperierenden Ökonomien Asiens (in erster Linie China und
Indien), Australien, Neuseeland und Südafrika, zusammen knapp vier
Milliarden der sechs Milliarden umfassenden Weltbevölkerung.
Wer bleibt dabei in der Lücke hängen? Ich könnte es mir
einfach machen und „alle anderen“ sagen, aber ich will etwas tiefer
gehen und begründen, warum ich meine, dass die Lücke
langfristig mehr bedroht als nur unsere Brieftasche oder unser
Gewissen.
Wenn wir die militärischen Reaktionen der Vereinigten Staaten
seit dem Ende des Kalten Krieges auf einer Karte einzeichnen, dann
konzentrieren sie sich ganz überwiegend auf Weltgegenden, die nicht
zum wachsenden Globalisierungs-Kern zählen – nämlich die
karibischen Inseln, fast ganz Afrika, den Balkan, den Kaukasus,
Zentralasien, den Nahen Osten und große Teile Südwestasiens. Das
sind praktisch die verbleibenden zwei Milliarden. Die meisten weisen
eine demographische Schieflage mit einer ganz überwiegend jungen
Bevölkerung auf und werden unter den Weltbank-Kategorien für
Niedrigeinkommen (weniger als 3 000 US-Dollar jährlich) geführt.
Ziehen wir eine Linie um die Mehrzahl dieser militärischen
Einsatzorte, haben wir im Grunde genommen die Nichtintegrierte
Lücke kartographiert. Bei diesem simplen Verfahren finden sich
manche in der falschen Umgebung wieder: das in der Lücke
isolierte Israel, das im Kern dahintreibende Nordkorea oder die
Philippinen, die zwischen beiden Seiten schwanken. In Anbetracht der
Daten lässt sich allerdings kaum die grundlegende Logik des Bildes
leugnen: Verliert ein Land gegen die Globalisierung oder weist es
viele der Globalisierungsfortschritte zurück, besteht eine ungleich
größere Chance, dass die Vereinigten Staaten irgendwann Truppen
dorthin entsenden werden. Umgekehrt gilt: Funktioniert ein Land
halbwegs im Rahmen der Globalisierung, dann sehen wir in der Regel
keine Veranlassung, unsere Truppen zu schicken, um für Ordnung zu
sorgen oder eine Bedrohung zu beseitigen.
Jedweden Ort, der im letzten Jahrzehnt nicht Ziel einer
amerikanischen Militärintervention war, als „funktionierend
innerhalb der Globalisierung“ zu definieren (und umgekehrt), mag
manchen tautologisch anmuten. Aber man sollte etwas weiter denken:
Seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges ist dieses Land noch stets
davon ausgegangen, dass die wahren Bedrohungen seiner Sicherheit von
Ländern mit annähernd gleicher Größe, ähnlichen Entwicklungsstand
und ungefähr gleichem Wohlstand ausgehen, mit anderen Worten: von
Großmächten wie wir selbst. Während des Kalten Krieges war die
Sowjetunion die andere Großmacht. Als die große rote Maschine in den
frühen 90er Jahren ihren Geist aufgab, flirteten wir mit Bedenken
über ein vereinigtes Europa oder ein bärenstarkes Japan, und in
jüngster Zeit treibt uns zuweilen die Unruhe über ein aufstrebendes
China um.
Interessant an diesen Szenarien ist die Annahme, dass nur ein
fortgeschrittener Staat uns wirklich gefährlich werden könnte. Und
der Rest der Welt? Jene nicht so weit entwickelten Gegenden
firmierten in den militärischen Planungen lange Zeit als die „Weniger
Betroffenen“, was bedeutete, dass unsere auf die Bedrohung durch
eine Großmacht ausgelegte militärische Kapazität auch für beliebige
kleinere Konflikte ausreichen würde, mit denen wir uns in der eher
rückständigen Welt gegebenenfalls zu befassen hätten.
Der 11. September ließ diese Annahme platzen. Schließlich wurden
wir nicht von einer Nation oder einer Armee angegriffen, sondern –
in den Worten von Thomas Friedman – von einer Gruppe extrem
motivierter Einzelkämpfer, die entschlossen waren, für ihre Sache zu
sterben. Der 11. September löste eine Systemstörung aus, die unsere
Regierung (das neue Department of Homeland Security), unsere
Wirtschaft (die de facto-Sicherheitssteuer, die wir alle bezahlen)
und sogar unsere Gesellschaft (Wink in die Kamera! )
anhaltend verändert. Zudem begann der globale Krieg gegen den
Terrorismus, das Prisma, durch das die Administration inzwischen
jede bilaterale Sicherheitsbeziehung betrachtet, die wir rund um die
Welt unterhalten.
Die Angriffe des 11. September taten dem amerikanischen
Sicherheitsestablishment einen großen Gefallen, indem sie uns von
den abstrakten Planungen zukünftiger High-Tech-Kriege gegen
ebenbürtige Mächte (neer peers) abzogen und uns auf die hier und
jetzt bestehenden Gefährdungen der Weltordnung verwiesen. Dabei
gerieten die Trennlinien zwischen Kern und Lücke ins
Scheinwerferlicht, und, noch wichtiger, der Umdenkungsprozess ließ
die Beschaffenheit des Bedrohungsumfeldes deutlich hervortreten. Bin
Laden und Al Qaida sind eindeutig Produkte der Lücke – deren
gewaltträchtigste Antwort an den Kern. Sie führen uns vor
Augen, wie es um unsere Versuche bestellt ist, Sicherheit in diese
rechtsfreien Gebiete zu exportieren (nicht sehr gut), und welche
Staaten sie von der Globalisierung abkoppeln wollen (jeden Lücken-Staat
mit einem beträchtlichen muslimischen Bevölkerungsanteil,
insbesondere Saudi-Arabien), um zu einer Definition guten Lebens
zurückzukehren, die eher dem 7. Jahrhundert entstammt.
Nimmt man dies als Botschaft Osamas und kombiniert sie mit der
Liste unserer militärischen Interventionen in den letzten zehn
Jahren, ergibt sich daraus ein einfacher Regelsatz in Sachen
Sicherheit: Je weniger ein Land an der Globalisierung teilhat,
desto eher wird es eine militärische Intervention der Vereinigten
Staaten heraufbeschwören. Daher hatte Al Qaida seine Basis
zuerst im Sudan und anschließend in Afghanistan, zwei der
abgekoppeltsten Länder der Welt. Gleiches gilt für jene Orte, die
US-Sondereinsatzkräfte zuletzt ins Visier genommen haben: Nordwest-Pakistan,
Somalia, Jemen – das Ende der Welt, was die Globalisierung betrifft.
Ebenso wichtig wie „sie dort zu kriegen, wo sie leben“ ist es,
der Fähigkeit dieser terroristischen Netzwerke zu begegnen, sich
Zugang zum Kern über die „Saumstaaten“ zu verschaffen, die
entlang der blutigen Grenzen der Lücke liegen. Welche Staaten
sind das? Mexiko, Brasilien, Südafrika, Marokko, Algerien,
Griechenland, die Türkei, Pakistan, Thailand, Malaysia, die
Philippinen und Indonesien kommen einem sofort in den Sinn. Aber die
USA sind nicht das einzige Kern-Land, das sich mit diesem
Problem auseinandersetzt. Russland hat im Kaukasus seinen eigenen
Krieg gegen den Terrorismus, China widmete sich zuletzt energischer
seiner westlichen Grenzregion, und Australien wurde jüngst durch den
Bombenanschlag auf Bali aufgeschreckt (oder doch eher
eingeschüchtert?).
Wenn wir eine Minute innehalten und uns vergegenwärtigen, was
diese neue Weltkarte bedeutet, dann sollte die nationale
Sicherheitsstrategie der Vereinigten Staaten folgendermaßen aussehen:
1. Stärkung des Kern-Immunsystems als Antwort auf
grundlegende Störungen analog zum 11. September; 2. Befähigung der
Saumstaaten, eine Brandmauer gegen die schlimmsten Exportartikel der
Lück wie Terror, Drogen und Seuchen zu errichten, und, am
allerwichtigsten, 3. Verkleinerung der Lücke. Ich plädiere
wohlgemerkt nicht bloß dafür, die Lücke im Auge zu behalten.
Die reflexartige Reaktion vieler Amerikaner auf den 11. September
besteht darin zu sagen: „Schluss mit der Abhängigkeit von fremdem Öl,
dann brauchen wir uns mit diesen Leuten nicht mehr abzugeben.“
Die diesem Traum zugrundeliegende reichlich naive Annahme besteht
darin, dass eine weitere Reduzierung der ohnehin spärlichen
Bezugspunkte zwischen Lücke und Kern das ganze für uns
auf Dauer weniger gefährlich machen würde. Den Nahen und Mittleren
Osten in ein Zentralafrika zu verwandeln, schafft keine bessere Welt
für meine Kinder. Wir können diese Leute nicht einfach wegwünschen.
Der Nahe und Mittlere Osten ist der perfekte Ort um loszulegen.
In einer Region, in der die Quellen der Unsicherheit nicht zwischen
Staaten liegen, sondern innerhalb derselben, kann Diplomatie nicht
funktionieren. Das Schlimmste dort ist der vollständige Mangel an
persönlicher Freiheit, der den größten Teil der Bevölkerung und
insbesondere die Jugend zu einem ausweglosen Leben verdammt. Einige
Staaten wie Qatar oder Jordanien sind reif für Perestroika-artige
Sprünge in eine bessere politische Zukunft, dank junger politischer
Führer, die die Unabwendbarkeit solcher Veränderungen sehen. Auch
Iran wartet darauf, dass ein Gorbatschow vorbeikommt – wenn er nicht
schon da ist. Was steht dem Wandel im Wege? Angst. Angst vor einer
Auflösung der Tradition. Angst vor dem Missfallen der Mullahs. Angst
davor, für einen „schlechten“ oder gar „verräterischen“ Muslim-Staat
gehalten zu werden. Angst, das Ziel radikaler Gruppen und
terroristischer Netzwerke zu werden. In allererster Linie aber die
Angst, von allen Seiten attackiert zu werden, weil man anders ist –
die Angst, in Israels Situation zu geraten.
Der Nahe und Mittlere Osten waren lange Zeit ein Eldorado für
Tyrannen, von denen sich ein jeder erpicht zeigte, den jeweils
Schwächeren aufs Korn zu nehmen. Israel besteht nach wie vor, weil
es – leider Gottes – zu einem der härtesten Akteure der Gegend
geworden ist. Das einzige, was dieses unwirtliche Umfeld verändern
und die Schleusentore für einen Wandel öffnen könnte, ist, dass eine
auswärtige Macht hereinkommt und den Vollzeit-Leviathan spielt. Die
Absetzung von Saddam, dem Chef-Tyrannen der Region, wird die
Vereinigten Staaten zwingen, diese Rolle weitaus intensiver
auszufüllen als in den letzten paar Jahrzehnten, in erster Linie
weil der Irak das Jugoslawien des Mittleren Osten ist – wo die
Zivilisationen sich überschneiden, was historisch betrachtet eine
Diktatur erforderte, um Frieden zu halten. Wie das beim Babysitten
nun mal so ist - dieser Job hat es ganz besonders in sich und dürfte
unsere langwierigen Bemühungen in Nachkriegs-Deutschland und -]apan
im Nachhinein ziemlich simpel erscheinen lassen.
Aber es ist das richtige Vorgehen und der richtige Zeitpunkt, und
wir sind das einzige Land, das dazu im Stande ist. Ohne Sicherheit
kann die Freiheit im Nahen und Mittleren Osten nicht gedeihen, und
Sicherheit ist der wirkungsvollste öffentliche Exportartikel unseres
Landes. Ich meine nicht Waffenexporte, sondern grundsätzlich die
Aufmerksamkeit, die unsere Streitkräfte dem Potential einer jeder
Region für Massengewalt widmen. Wir sind als einzige Nation der Erde
in der Lage, nachhaltig Sicherheit zu exportieren, und wir haben
diesbezüglich eine großartige Erfolgsgeschichte.
Zeigen Sie mir einen Teil der Welt, wo der Frieden sicher ist,
und ich zeige Ihnen enge oder sich vertiefende Bindungen zwischen
den dortigen Streitkräften und dem US-Militär. Zeigen Sie mir
Regionen, in denen ein großer Krieg undenkbar ist, und ich zeige
Ihnen permanente US-Militärbasen und langfristige
Sicherheitsbündnisse. Zeigen Sie mir die umfangreichsten
Investitionskonzentrationen der Weltwirtschaft, und ich zeige Ihnen
zwei Regionen, Europa und Japan, die unsere Besatzungspolitik nach
dem Zweiten Weltkrieg wieder aufbaute.
Dieses Land hat über ein halbes Jahrhundert erfolgreich
Sicherheit in den Alten Kern der Globalisierung (Westeuropa,
Nordostasien) exportiert und, nach unserem Patzer in Vietnam, ein
gutes Vierteljahrhundert in den sich herausbildenden Neuen Kern
(das sich entwickelnde Asien). Aber entsprechende Anstrengungen
unsererseits waren im Mittleren Osten inkonsequent, und in Afrika
fanden sie praktisch nicht statt. Solange wir nicht mit der
systematischen, auf Dauer angelegten Ausfuhr von Sicherheit in die
Lücke beginnen, solange wird die Lücke in Form von
Terrorismus und anderen Erschütterungen zunehmend in den Kern
exportieren, was sie quält.
Natürlich bedarf es einiges mehr als den Sicherheitsexport der
Vereinigten Staaten, um die Lücke zu verkleinern. Afrika
beispielsweise braucht entschieden mehr Hilfe, als der Kern
in der Vergangenheit geleistet hat, und die Integration der Lücke
hängt letztlich stärker von privaten Investitionen ab als von dem,
was der öffentliche Sektor des Kerns geben kann. Aber am
Anfang muss Sicherheit stehen, weil freie Märkte und Demokratie bei
Dauerkonflikten nicht florieren.
Eine solche Anstrengung zu unternehmen bedeutet, unser
Militärestablishment so umzuformen, dass es der Herausforderung, der
wir gegenüber stehen, spiegelbildlich entspricht. Darüber sollte man
nachdenken. Ein Weltkrieg ist nicht in Sicht, vor allem weil unser
riesiges Nukleararsenal einen solchen Krieg undenkbar macht – für
jeden. Klassische Kriege zwischen Staaten sind inzwischen selten
geworden. Wenn also die Vereinigten Staaten dabei sind, ihre
Streitkräfte zu „transformieren“, um den Bedrohungen von morgen zu
begegnen, wie sollte das Ergebnis aussehen? Meines Erachtens müssen
wir Feuer mit Feuer bekämpfen. Und wenn wir in einer Welt leben, in
der es immer mehr extrem motivierte Einzelkämpfer gibt, schicken wir
ein Militär aus extrem motivierten Einzelkämpfern ins Feld.
Das könnte nach zusätzlicher Verantwortung für die ohnehin schon
überlasteten Streitkräfte klingen, aber das ist die falsche
Betrachtungsweise, weil es sich hier um Probleme des Erfolgs handelt
– nicht des Versagens. Der fortgesetzte Erfolg Amerikas bei der
Abschreckung eines globalen Krieges und bei der Überwindung
zwischenstaatlicher Kriege erlaubt es uns, uns mit den viel
schwierigeren subnationalen Konflikten und den gefährlichen
transnationalen Akteuren zu befassen, die wie Pilze aus dem Boden
schießen. Ich weiß, dass die meisten Amerikaner das nicht hören
wollen, aber genau dort liegen die wirklichen Schlachtfelder des
Krieges gegen den Terrorismus. Würden geschützte Wohnbezirke und
Mietpolizisten ausreichen, wäre der 11. September niemals passiert.
Die Geschichte ist voll von Wendepunkten wie jenem schrecklichen
Tag, aber sie bietet keine Rück-Wendepunkte. Wir ignorieren die
Existenz der Lücke auf eigenes Risiko, weil sie nicht
verschwinden wird, bis wir als Nation die Herausforderung annehmen,
die Globalisierung wirklich global zu machen.
Where next?—Die Liste
möglicher Interventionen*:
1. Haiti. Versuche der
Nationenbildung in den 1990er Jahren verliefen enttäuschend. Seit
ungefähr einem Jahrhundert gehen wir immer wieder nach Haiti, und
wir werden erneut reingehen, wenn bei der nächsten Krise einmal mehr
boat people ins Land kommen.
2. Kolumbien. Das Land ist in
mehrere Stücke zerbrochen; einerseits die gesetzlosen Teile, mit
Privatarmeen, Rebellen, Rauschgiftmafia, auf der anderen Seite die
Regierung, die allesamt das Gebiet in die Mache nehmen. Nach wie vor
fließen Drogen. Verbindungen zwischen Drogenkartellen und Rebellen
entwickelten sich im Laufe der Jahre, und heute wissen wir auch von
Verbindungen zum internationalen Terrorismus. Wir sind involviert,
versprechen mehr und kommen nicht weiter. Stückweises Vorgehen
funktioniert absolut nicht.
3. Brasilien und Argentinien.
Beide auf der Kippe zwischen Lücke und
Funktionierendem Kern. Beide ließen sich in den 90er Jahren voll
und ganz auf das Globalisierungs-Spiel ein, und beide fühlen sich
jetzt getäuscht. Die Gefahr ist groß, vom Wagen zu fallen und einen
selbstzerstörerischen Weg nach links- oder rechtsaußen einzuschlagen.
Von einer militärischen Bedrohung kann keine Rede sein, außer gegen
ihre eigenen Demokratien (die Rückkehr der Generäle). Die
südamerikanische Allianz MERCOSUR versucht, sich ihre eigene
Wirklichkeit zu schnitzen, während Washington sich für den freien
Handel ins Zeug legt, sich aber bisher nur auf Vereinbarungen mit
Chile verständigen konnte und darauf, das Land in eine erweiterte
NAFTA zu holen. Werden Brasilien und Argentinien selbst dafür sorgen,
dass sie außen vor bleiben, und das dann übelnehmen? Amazonas-Region
ein riesiges, unregierbares Gebiet in Brasilien, wo zudem die
Umweltzerstörung immer größere Ausmaße annimmt. Wird sich die Welt
ausreichend Sorgen machen um einzugreifen?
4. Früheres Jugoslawien.
Während der meisten Zeit des letzten Jahrzehnts stand es als Kürzel
für die Unfähigkeit Europas, geschlossen zu handeln, nicht einmal in
seinem eigenen Hinterhof. Wird ein langer Babysitterjob für den
Westen werden.
5. Kongo und Ruanda/Burundi.
Zwischen zwei und drei Millionen Opfer all jener Kämpfe in
Zentralafrika während des letzten Jahrzehnts. Um wieviel
schrecklicher muss es noch werden, bevor wir versuchen, zumindest
irgendetwas zu tun? Weitere drei Millionen Tote? Kongo ist ein
Aas-Staat – weder ganz tot noch wirklich am Leben, aber jeder
bedient sich an ihm. Obendrein gibt es AIDS.
6. Angola. Hat niemals
wirklich seinen fortwährenden Bürgerkrieg (1,5 Millionen Tote in den
letzten 25 Jahren) gelöst. Im Grunde im Konflikt mit sich selbst
seit Mitte der 70er, als das portugiesische „Reich“ zerfiel.
Lebenserwartung schon jetzt unter 40!
7. Südafrika. Das einzig
funktionierende Kern-Land in Afrika, aber es steht auf der
Kippe. Viele Befürchtungen, dass Südafrika Einfallstor für
Terrornetzwerke ist, die versuchen, sich durch die Hintertür Zugang
zum Kern zu verschaffen. Endemische Verbrechensrate als
größte Bedrohung der Sicherheit. Obendrein gibt es AIDS.
8. Israel-Palästina. Terror
wird nicht abflauen – es gibt keine kommende Generation im
Westjordanland, die etwas anderes wollte als noch mehr Gewalt. Jetzt
hochgezogene Mauer wird die Berliner Mauer des 21. Jahrhunderts sein.
Möglicherweise werden auswärtige Mächte beschließen, für Sicherheit
zu sorgen, indem sie beide Seiten auseinanderhalten (diese Scheidung
würde sehr schmerzlich werden). Immer besteht Gefahr, dass jemand (ein
verzweifelter Saddam?) es darauf anlegt, Israel mit
Massenvernichtungswaffen in die Luft zu jagen und damit den
Gegenschlag auszulösen, zu dem wir alle Isael für fähig halten.
9. Saudi-Arabien. Die „Sollen-sie-doch-Kuchen-essen“-Mentalität
der königlichen Mafia könnte innere Instabilität nach sich ziehen,
die gewaltsam zum Ausbruch kommt. Schutzgelder an Terroristen zu
zahlen, um sie sich vom Leib zu halten, könnte desgleichen scheitern,
so dass auch Gefahr von außen droht. Eine riesige junge Bevölkerung
mit wenig Zukunftsaussichten und eine herrschende Elite, deren
Haupteinnahmequelle ein Langzeit-Gut von abnehmendem Wert ist. Und
doch wird die Bedeutung des Öls für die Welt bis weit in die Zukunft
hinein so groß sein, dass die Vereinigten Staaten diesen Ort niemals
wirklich sausen lassen werden, koste es was es wolle.
10. Irak. Eine Frage des Wann
und Wie, nicht des Ob. Danach gibt es einen gigantischen Reha-Job.
Werden ein Sicherheits-Regime für die ganze Region aufbauen müssen.
11. Somalia. Chronisches
Fehlen einer Regierung. Chronische Unterernährung. Chronisches
Problem des Einsickerns terroristischer Netzwerke. Wir gingen mit
Marines und Spezialkräften hinein und desillusioniert wieder heraus
– in den 90er Jahren das Vietnam des kleinen Mannes. Der Druck wird
enorm sein, niemals dorthin zurückzugehen.
12. Iran. Konterrevolution
hat begonnen. Diesmal wollen die Studenten die Mullahs rauswerfen.
Iran möchte mit den Vereinigten Staaten Freundschaft schließen, aber
Wiederaufstieg der Fundamentalisten könnte der Preis sein, den wir
für Irakinvasion zahlen. Die Mullahs unterstützen den Terror, und
sie wollen Massenvernichtungswaffen. Macht sie das zu einem
unausweichlichen Ziel, wenn Fälle Irak und Nordkorea gelöst sind?
13. Afghanistan. Gesetzloser,
gewalttätiger Ort schon bevor die Taliban die Bühne betraten und
begannen, das Land ins 7. Jahrhundert zurückzubefördern (eine kurze
Reise). Regierung an Al Qaida verschleudert. Riesige Drogenquelle
(Heroin). Inzwischen sitzen die Vereinigten Staaten dort für längere
Zeit fest, um fanatische Terroristen/Rebellen auszumerzen, die sich
zum Bleiben entschlossen haben.
14. Pakistan. Es besteht
immer die Gefahr, dass sie die Bombe, die sie besitzen, im Konflikt
mit Indien aus Schwäche einsetzen (knapp davor am 13. Dezember 2001
nach der Attacke von Neu Dehli [dem Versuch der Erstürmung des
indischen Parlaments]). Aus Sorge, Pakistan könnte in die Hände
radikaler Muslims fallen, entschlossen wir uns, Hardliner-Militärs
zu stützen, denen wir nicht wirklich trauen. Eindeutig Al
Qaida-infiziert. War auf dem besten Weg, von den Vereinigten Staaten
zum Schurkenstaat erklärt zu werden, bis der 11. September uns zu
neuerlicher Kooperation zwang. Pakistan scheint nicht viel von
seinem eigenen Territorium zu kontrollieren.
15. Nordkorea. Dabei, sich
Massenvernichtungswaffen zu beschaffen. Bizarres Verhalten
Pjöngjangs in jüngster Zeit (Eingeständnis, Entführungen begangen zu
haben, gebrochene Versprechen bezüglich Atomwaffen, Verschiffung von
Waffen an Orte, wo wir das nicht dulden, und sich dabei erwischen
lassen, Unterzeichnung von Vereinbarungen mit Japan, die den Beginn
einer neuen Ära zu signalisieren scheinen, die Ausrufung einer neuen
Wirtschaftszone an der Grenze zu China) lässt vermuten, dass das
Land Krisen provozieren will (wie ein Psychatrie-Patient). Wir leben
in der Furcht vor Kims Götterdämmerungs-Szenario (er ist
durchgeknallt). Bevölkerung heruntergekommen – wieviel mehr kann sie
aushalten? Vielleicht, nach Irak, der nächste Fall.
16. Indonesien. Übliche
Ängste vor einem Zerfall und der „weltgrößten muslimischen
Bevölkerung“. Opfer der wirtschaftlichen Krise in Asien (es wurde
regelrecht aus dem Rennen geworfen). Wie wir herausgefunden haben:
Tummelplatz für Terrornetzwerke.
Neue/Anschluss suchende Mitglieder des Kerns, die im kommenden
Jahr verloren gehen könnten
17. China. Viele Wettkämpfe
mit sich selbst ausgetragen, um die Zahl der unprofitablen
staatlichen Unternehmen zu reduzieren, ohne allzu große
Arbeitslosigkeit auszulösen, zudem Probleme mit wachsendem
Energiebedarf und einhergehender Umweltverschmutzung, schließlich
Rentenkrise aufgrund immer älter werdender Bevölkerung. Neue
Generation von Führern steht im Verdacht, phantasielose Technokraten
zu sein – große Frage, ob sie ihrer Aufgabe gewachsen sind. Führt
keines dieser Großprobleme zu internationaler Instabilität, bleibt
stets die Sorge, daß die Kommunistische Partei nicht einfach so von
der Bildfläche ververschwindet, indem sie mehr politische Freiheiten
gewährt, und dass der Punkt kommen könnte, wo den Massen die
ökonomische Freiheit nicht mehr reicht. Die KPCh ist ziemlich
korrupt und ein Parasit des Landes, aber sie hat in Peking nach wie
vor das Sagen. Armee scheint sich mehr und mehr von Gesellschaft und
Realität zu entfernen, konzentriert sich kurzsichtigerweise
zunehmend darauf, in den Vereinigten Staaten eine Bedrohung zu sehen,
weil die ihrer Bedrohung Taiwans entgegenstehen, Taiwan, welches der
einzig verbleibende Zündfunke sein könnte. Und dann gibt es da AIDS.
18. Russland. Putin hat
langen Weg vor sich in seiner Diktatur des Rechts; Mafia und
Räuberbarone verfügen nach wie vor über zuviel Macht. Tschetschenien
und das Nahe Ausland im Allgemeinen werden Moskau Zuflucht zur
Gewalt suchen lassen, aber die wird sich im großen und ganzen auf
die Föderation beschränken. Dass USA Fühler nach Zentralasien
ausstrecken, könnte Testfall werden – eine Beziehung, die verderben
kann, wenn sie nicht von vornherein richtig gehandhabt wird.
Russland hat zu viele interne Probleme (Finanzschwäche,
Umweltzerstörung usw.) und ist zu sehr von Energieexporten abhängig,
um sich sicher fühlen zu können (bedeutet die Rückkehr des Irak ins
Geschäft das Ende dieser goldenen Gans?). Und dann gibt es da AIDS.
19. Indien. An erster Stelle
steht immer die Gefahr des Atomkrieges mit Pakistan. Eine Stufe
tiefer wird es durch Kaschmir in einen Streit mit Pakistan gezogen,
wobei jetzt auch die Vereinigten Staaten in einem Maße betroffen
sind, wie niemals vor dem Antiterrorkrieg. Indien ist Mikrokosmos
der Globalisierung: High Tech, extreme Armut, Inseln der Entwicklung,
Spannungen zwischen Kulturen/Zivilisationen/Religionen etc. Es ist
zu groß, um erfolgreich zu sein, und zu groß, um zu scheitern. Will
bedeutender, verantwortlicher Militärfaktor in Region sein, starker
Freund der Vereinigten Staaten, und sucht verweifelt, mit China in
Sachen Entwicklung gleichzuziehen (der selbstverordnete Erfolgsdruck
ist enorm). Und dann gibt es da AIDS.
* Handicapping the Gap nennt Thomas Barnett die nachstehende
Liste potentieller Krisen- und Interventionsschauplätze oder, in
seinen Worten, „Meine Liste der für die Welt bedeutsamen Konflikte
in den 1990ern, heute und morgen, beginnend in unserem eigenen
Hinterhof". –Interessant klingt in diesem Zusammenhand der folgende
Auszug aus einem ZDF-Interview mit Colin Power anlässlich seines
Blitzbesuchs bei der NATO in Brüssel am 3. April diesen Jahres.
Gefragt, ob nach den strengen Verwarnungen Syriens und des Iran
durch Verteidigungsminister Rumsfeld diese beiden Länder „Nein, es
gibt keine Liste. In Europa ist die Vorstellung verbreitet, es gäbe
da so eine Liste von Feinden, bei denen wir in einer festgelegten
Reihenfolge – einer nach dem anderen – einmarschieren würden. Das
ist nicht so. Der Präsident hat deutlich gemacht, dass er über
vielerlei Möglichkeiten verfügt, mit Regimes fertig zu werden, die,
wie wir meinen, internationale Standards nicht einhalten. Manchmal
sind politische Maßnahmen angemessen, manchmal wirtschaftliche,
manchmal der Einsatz unserer Aufklärungsmittel. Und manchmal ist der
Einsatz militärischer Gewalt angebracht. Aber wir halten nicht etwa
Ausschau nach Kriegen, in die wir ziehen könnten." (Eigene
Übersetzung nach dem vom US-Außenministerium am 4.4.2003
veröffentlichten Wortlaut) – D. Red. |