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WeltWoche Profile in German (Swiss Foreign Affairs Magazine)

Dateline: above the garage in Portsmouth RI, 9 February 2005

This was written mostly by the journalist himself, meaning I gave a quick interview by phone but I don't think that resulted in much of the text here. If I had more time I would translate myself, which would be fun as I haven't worked a German text in several years (I learned how to read German for my PhD dissertation on East Germany).


And yes, even a quick glance over the text alerts me to the George Kennan comparison . . ..


Here is the text in full, provided with permission to repost by the journal:



Die Weltwoche; 03.02.2005; Nummer 5; Seite 30

Diese Woche


Eine Idee besser


Will er in seinen Vorlesungen ein Argument besonders hervorheben, lässt Thomas Barnett die Filmfigur Austin Powers sprechen: «Oh yeah, baby». Mit diesem Juchzer könnte man ziemlich viele Gedanken des Mannes kommentieren, der für George W. Bush die Welt neu ordnet..


In den letzten Wochen ging wieder das alte Gespenst um in Europa. «Nimmt George W. Bush Anlauf zu einem neuen Krieg?», fragte der Spiegel. Von Madrid bis Berlin legte man die Stirn in Falten. Ist der Iran nach Afghanistan und dem Irak die nächste Etappe auf dem «Wahnsinnsritt» des texanischen «Cowboys»?


Die Frage, wie der Westen am besten mit dem Mullah-Regime und seinen nuklearen Ambitionen zu Rande kommt, beschäftigt tatsächlich die aussen- und sicherheitspolitischen Denker in den USA. Doch scheint Krieg derzeit nur für ein paar unmassgebliche Aussenseiter eine realistische Option zu sein. Amerika plane keinen Militärschlag gegen den Iran, beschwichtigte Aussenministerin Condoleezza Rice am Wochenende: Man setze weiterhin auf Diplomatie.


Überraschend sind diese Töne bloss für diejenigen, die sich von der jüngsten Nervosität anstecken liessen. Wahrlich erstaunlich hingegen ist der Rat, den ein gewisser Thomas P. M. Barnett dem US-Präsidenten gibt: «Erreichen Sie eine Entspannung mit dem Iran, und akzeptieren Sie die Tatsache, dass er die Bombe kriegt!», schreibt Barnett in der neusten Ausgabe des Magazins Esquire. «Wir brauchen den Iran als Sicherheitspartner im Nahen Osten.» Bush solle es Nixon gleichtun, dessen spektakuläre Reise nach China ein neues Kapitel in den internationalen Beziehungen eröffnete.


Wer ist Thomas «Tom» Barnett? Auch in den USA haben nur wenige von ihm gehört, aber viele dieser wenigen sitzen an den Schalthebeln der Macht. Wenn wir dem Kolumnisten David Ignatius von der Washington Post glauben wollen, ist Barnetts in über 50000 Exemplaren verkauftes Buch "The Pentagon's New Map" gegenwärtig die Leiblektüre vieler amerikanischer Generale und Admirale. Michael Barone, vielleicht Amerikas führender Politologe, hat geschrieben, es gebe Anzeichen, dass Barnett sich als «einer der wichtigsten strategischen Denker unserer Zeit» entpuppen wird und «dass Rumsfeld einige seiner Ideen in die Praxis umsetzt».


Gemäss Barone ist «Barnett etwas auf der Spur und wahrscheinlich etwas wirklich Grossem. George W. Bush hat uns kein Szenario dafür gegeben, wie der Krieg gegen den Terrorismus über die nächsten Jahre geführt werden soll und wie wir merken können, ob wir dem richtigen Weg folgen und ob wir auf der Strasse zum Erfolg sind. Thomas Barnett gibt uns eine bessere Landkarte für den bevorstehenden Kampf.» In der «Neuen Landkarte des Pentagons» präsentiert der 42-jährige Militärtheoretiker nichts Geringeres als eine neue Strategie für das 21. Jahrhundert.


Schon gibt es Stimmen, die Barnett – hochgegriffen – als den «neuen Kennan» preisen. George Kennan, heute 101 Jahre alt, gilt als Architekt der Containment- oder Eindämmungspolitik, die von 1947 bis zum Ende des Kalten Kriegs die US-Aussenpolitik bestimmte. Das berühmte «lange Telegramm», das Kennan 1946 als Geschäftsträger in Moskau ans Staatsdepartement sandte, warnte vor den expansionistischen Gelüsten Stalins, und ein Jahr später plädierte er in einem mit «X» gezeichneten anonymen Artikel in der Zeitschrift Foreign Affairs für die «langfristige, geduldige, stetige, aber wachsame Eindämmung der russischen Expansionstendenzen». Direkte Folge von Kennans Analyse war die Truman-Doktrin: Präsident Truman befahl Hilfeleistung an das bedrohte Griechenland (und an die Türkei) und den Marshallplan für den Wiederaufbau Europas.


Mit dem Verschwinden der Sowjetunion wurde die Containment-Politik, die (wenn man vom Vietnamkrieg absieht) gute Dienste geleistet hatte, hinfällig. Unter Bush senior und Clinton tasteten die Denker im Staatsdepartement und im Pentagon nach einer neuen Strategie. Bevor allerdings eine solche entwickelt werden konnte, musste man sich über den Ist-Zustand der Welt schlüssig werden. War, wie Francis Fukuyama verkündete, das «Ende der Geschichte» angebrochen und der Liberalismus die neue bestimmende Macht auf Erden? Oder musste man sich für einen «Zusammenstoss der Zivilisationen» wappnen, der, wie Samuel Huntington warnte, den ideologischen Krieg abgelöst hatte? Oder stimmte etwa die Behauptung der Globalisierungstheoretiker, wonach Interdependenz und Zusammenarbeit den weltpolitischen Wettbewerb abgelöst hatten und Frieden und Wohlstand sich automatisch über die Erdkugel verbreiten würden? Doch weil keine der Theorien überzeugte, konnte man darauf keine Strategien aufbauen. Wie zuvor die Administrationen von Bush Vater und Clinton wurstelte sich auch diejenige von Bush Sohn anfänglich durch die anfallenden Probleme.


Der 11. September 2001 weckte die Amerikaner; und auch Thomas P.M. Barnett. Während dreier Jahre hatte Barnett mit Nationalökonomen der Wall-Street-Firma Cantor Fitzgerald an einem Forschungsprojekt gearbeitet, das den Zusammenhang zwischen Globalisierung und Sicherheit untersuchte. Am 11. September verlor Cantor Fitzgerald auf einen Schlag 658 Mitarbeiter. Barnett selber war Dutzende von Malen in den Büroräumen der Firma im 105. Stock des World Trade Center gewesen.


Nach dem Anschlag war er einige Tage lang unschlüssig, was er mit seinem Leben anfangen sollte. Als er sich bewusst wurde, dass der 11.9. die «Frontlinie in einem Kampf von historischen Proportionen» abgesteckt hatte und dass das amerikanische Militär für diesen Kampf eine zielgerichtete Strategie brauchte, sah er plötzlich eine lohnenswerte Aufgabe vor sich.


Tom Barnett, der als Professor am Naval War College in Rhode Island lehrt und das Verteidigungsministerium berät, war immer ein origineller Kopf gewesen. Er hatte in Harvard unter den grossen Sowjetologen Richard Pipes und Adam Ulam studiert, die Universität Leningrad besucht und über den Warschauer Pakt doktoriert. Als er begann, seine wehrpolitischen Ideen im Pentagon vorzutragen, fand er bei Hauptleuten und Obersten aus seiner eigenen Generation, den Entscheidungsträgern der Zukunft, schon früh enthusiastischen Zuspruch. Höhere Chargen begegneten ihm anfänglich skeptisch oder lachten ihn aus. Der Professor polarisiert. Er trägt seine Thesen nicht in altmodischen Vorlesungen vor, sondern in Power-Point-Präsentationen, welche an Performance-Art erinnern. Seine Briefings würzt er mit überraschenden Toneffekten und Zitaten aus populären Fernsehserien wie «The Sopranos».


Wenn ein Argument besonders betont werden soll, ertönt die Stimme der Filmfigur Austin Powers mit dem Schrei «Oh yeah, baby». Nicht die Art des feinen George Kennan, aber es kommt bei den Militärs an.


Fixierung auf «the Big One»


Die Summe seiner Erkenntnisse hat Barnett in «The Pentagon's New Map» zusammengefasst. 9/11 habe gezeigt, dass die bedeutendste geopolitische Störungslinie nicht zwischen Reich und Arm verlaufe, sondern zwischen den Staaten, welche die Moderne akzeptieren, und denen, die keinen Zugang zu ihr haben oder sie ablehnen. Er nennt die erste Staatengruppe den «stabilen Kern» (functioning core), die zweite die «Krisenzone» (non-integrating gap – nichtintegrierte Lücke).


Zum «Kern» gehören Europa, Nordamerika, Japan, China, Indien, Australien, Südafrika, Brasilien, Chile und Argentinien. Der globalisierte Kern zeichnet sich durch starke Vernetzung aus, wechselseitige Finanztransaktionen und einen reichen Informationsfluss. Im Kern sind die Regierungen stabil und der Wohlstand hoch oder steigend. In der Krisenzone, welcher Barnett Afrika (ohne Südafrika), den gesamten Nahen Osten, Zentralasien, Indonesien und den Rest Südamerikas zurechnet, ist die Globalisierung kaum oder gar nicht spürbar. Die Krisenzone leidet unter repressiven Regimen, Armut und Seuchen, immer wiederkehrenden Massenmorden und an chronischen Konflikten, welche die nächste Generation globaler Terroristen hervorbringen.


Wenn die Welt in Sicherheit und Frieden leben will, dann muss die Krisenzone, von welcher die Gefahren ausgehen, verkleinert und in den Kern eingebunden werden. Eine liberale Weltordnung stellt sich nicht automatisch ein. In der Krisenzone müssen fragile Zivilgesellschaften durch Handel, Wirtschaftshilfe, Zugang zu Technologie, den Austausch von Ideen und humanitäre Projekte gestärkt werden. Sicherheit, die der Krisenzone abgeht, ist eine Grundvoraussetzung für Wohlstand. Deshalb müssen die Staaten des Kerns in erster Linie Sicherheit in die Krisenzone exportieren. Der Export von Sicherheit kann durch die Entsendung von friedenssichernden Truppen wie in Bosnien, im Kosovo oder in Osttimor geschehen. In Ausnahmefällen – und dazu zählt Barnett Afghanistan und den Irak – müssen tyrannische Regimes zerschlagen werden.


Zwischen den Ländern im global vernetzten Kern wird es keine Kriege mehr geben. Die Staaten des Kerns werden ihre Interessengegensätze friedlich austragen – so, wie dies seit Ende des Zweiten Weltkriegs zwischen den europäischen Nationen geschieht. Als logische Konsequenz seiner Analyse empfiehlt Barnett eine Neuausrichtung der amerikanischen Streitkräfte. Nicht alle sind mit ihm einverstanden. Nach der Auflösung der Sowjetunion hatten sich die Planer im Pentagon überlegt, welcher Feind in Zukunft die USA bedrohen könnte, und waren zum Schluss gekommen, dass dies China sein musste. Folglich galt es, sich auf den nach 2020 voraussehbaren militärischen Zusammenprall – in der Pentagonsprache «the Big One» – vorzubereiten. Wie viele Panzerdivisionen, Flugzeugträger und Unterseeboote brauchte man, um den «Big One» gewinnen zu können?


Für Barnett war schon Anfang der neunziger Jahre die Fixierung des Pentagons auf «the Big One» nicht nachvollziehbar. Nicht auf einen Krieg mit einer anderen Supermacht mussten sich die amerikanischen Streitkräfte vorbereiten, sondern auf Interventionen gegen Friedensstörer in der Krisenzone. Der Irak bewies dann, dass das amerikanische Militär die Aufgabe, ein tyrannisches Regime zu beseitigen, effizient erledigen kann.


Es zeigte sich aber auch, dass das Pentagon seiner zweiten Aufgabe, der Stabilisierung des Landes nach dem Krieg, nicht gewachsen war. Die Fehler bei der Besatzung ermöglichten es dem Widerstand, Teile des Landes ins Chaos zu stürzen. Truppen, die für die Kriegsführung ausgebildet und ausgerüstet sind, taugen nicht unbedingt für Friedenssicherung oder für Hilfseinsätze wie nach der Tsunami-Katastrophe. Deshalb plädiert Barnett für eine Reorganisation der Streitkräfte, die es ihnen erlauben würde, ihre beiden Hauptaufgaben wirksam zu erfüllen. Einerseits müssen sie als «Leviathan» (in Barnetts an Hobbes angelehnter Terminologie) oder Sheriff auftreten, der Tyrannen und Terroristen rücksichtslos bekämpft, andererseits müssen sie als «Systemverwalter» friedenssichernde und humanitäre Operationen zu einem guten Ende bringen.


Die von Tom Barnett konzipierte Strategie für eine friedliche Weltordnung kann von den USA nicht allein verwirklicht werden, sondern erfordert die Zusammenarbeit mit den andern wichtigen Mächten des Kerns. Diese Mächte – Russland, China und die EU – aber sind nicht bereit, das alte System aufzugeben. Sie setzen auf die Uno und das Völkerrecht. Unilateralismus und die Bush-Doktrin des Präventiv- oder Präemptivkriegs sind ihnen zuwider.


Barnett glaubt aber, dass man diese Staaten davon überzeugen kann, dass neue Regeln erforderlich sind. Er arbeitet gegenwärtig an einem Buch, das sich mit dieser Frage befassen wird. Seiner Meinung nach ist die Intervention im Kosovo, wo der Uno-Sicherheitsrat als Anklagekammer fungierte und die Nato mit der Leviathan-Aufgabe betraute, ein denkbares Modell.


Die Vereinigten Staaten sind die einzige Macht mit einer wirklichen «Kriegsführungskapazität». Nur sie können den Leviathan spielen.

Barnett ist aber auch der Ansicht, dass die USA, bevor sie kriegerisch intervenieren, grünes Licht erhalten müssen. Seiner Meinung nach ist der Uno-Sicherheitsrat in seiner heutigen Form aber nicht das geeignete Instrument, um militärische Interventionen abzusegnen. Barnett schwebt als Aufsichtsbehörde ein Gremium der wichtigsten Staaten des Kerns vor.


Die G-8-Staaten müssten aber auf 20 aufgestockt werden. Neue Regeln müssten die Souveränität der Einzelstaaten, die nach altem Völkerrecht immer noch sakrosankt ist, relativieren. Wie sich in Ex-Jugoslawien, Ruanda oder dem Sudan gezeigt habe, gebe es Notsituationen, wo der Schutz von Minderheiten gegenüber der staatlichen Souveränität Vorrang haben müsse.


Obschon Barnett den Krieg gegen Saddam Hussein befürwortete, sieht er militärische Interventionen als Ultima Ratio. Sein Vorschlag, die Mullahs im Iran nach der Bombe streben zu lassen, hat viel Kopfschütteln ausgelöst. Auf dem Weg zu einer Tagung in Washington erläuterte mir Barnett seine These: «Es ist die alte Geschichte: Niemand handelt verantwortungsvoll, bis man ihm die Verantwortung gibt. Was der offene Besitz von Nuklearwaffen verleiht, ist Verantwortung. Weit mehr beunruhigt mich ein Iran, der zwar praktisch, aber nicht eingestandenermassen nukleare Technologie sucht. Wenn der Iran die Nuklearwaffe besässe und dies allgemein akzeptiert wäre, wäre er durch die Konvention und die Weltgemeinschaft gezwungen, auf eine Weise zu handeln, die einem Staat, der derartige Macht besitzt, geziemt.»


Wenn man dem Iran auf Dauer die Bombe vorenthalte, werde er den Amerikanern im Irak nie helfen. «Und er wird uns nie helfen, wenn es um eine Zweistaatenlösung Israel–Palästina geht.» Doch ist es klug, einem Land die nukleare Waffe zuzugestehen, wenn sein einflussreicher Ex-Präsident, Ajatollah Rafsandschani, prahlt, mit einer einzigen Bombe könne man Israel auslöschen? «Was Rafsandschani damit meint», entgegnet Barnett, «ist, dass der Iran dann mit Israel gleichgestellt sein wird.» Wird sich Israel angesichts seiner traumatischen Erfahrungen im letzten Jahrhundert mit dem Risiko einer iranischen Massenvernichtungswaffe abfinden? «Welche Wahl hat Israel?», fragt Barnett. «Wenn der Iran die Bombe will, kann niemand ihn daran hindern.» Israel habe eine bessere Chance, vom Iran einen Deal zu erhalten und anerkannt zu werden, wenn es ihn als ernsthaften Partner mit der gleichen Nuklearkapazität wie es selber behandle. «Meiner Ansicht nach gibt es keine Anzeichen dafür, dass in Teheran eine Regierung von Idioten am Ruder ist, die glaubt, sie könne eine Nuklearbombe einsetzen und damit durchkommen.»


Vielleicht erklären sich Barnetts unorthodoxes Auftreten und seine originellen Ansichten damit, dass er im ländlichen Wisconsin aufgewachsen ist, wo die Leute schon immer nonkonformistisch waren. Obschon ein Befürworter von Bushs Irak-Politik, ist er politisch ungebunden. Er ist mit einer liberalen Demokratin verheiratet, die Gedichte schreibt, und Vater von vier Kindern. Seine Gedanken versprüht er auch via eigenes Weblog, in dem er Zeitgenossen über seine tägliche Arbeit und seine Erlebnisse auf dem Laufenden hält.


Thomas P.M. Barnett: The Pentagon's New Map. G.P. Putnam's Sons, 2004


Weblog: www.thomaspmbarnett.com/weblog


Mehr von Hanspeter Born unter www.weltwoche.ch/weblogs





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